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Regieschafft Raum für überzeugende Aussagen

„Empathize your way into other people’s reality.“

Michael Rabiger · Directing the Documentary

Fühle dich in die Wirklichkeit anderer Menschen hinein.

Das Wichtigste ist, mein Ego nicht durchzulassen.

Kurz gesagt

Das Risiko liegt selten bei der Einstellung. Das können wir Profis.

Es geht darum, ob die Person vor der Kamera eine Chance hat, sich wohlzufühlen. Wenn die Stimmung am Set stimmt, stimmt die Aussage – und das Funkeln in den Augen ist echt.

Wer sich hinterher bei seiner Chefin über den Dreh beschwert, kostet Sie mehr als einen Drehtag – er kostet Sie das Verhältnis zu Ihrem Kunden. Wer begeistert nach Hause geht, erzählt das genauso weiter. Kein Grading ersetzt die Stimmung am Set. Genau dort lohnt sich gute Regie.

Ob Testimonial-Film, Statement-Film oder Employer-Branding-Film: Das Format wechselt, die Aufgabe der Interviewführung bleibt dieselbe.

01Vorbereitung

Ich recherchiere den Menschen

Nicht nur das Thema. Ich lese, was es zu lesen gibt, schaue vorhandenes Material an und spreche mit Leuten, die mit der Person arbeiten. Am Drehtag kenne ich sie schon ein Stück.

So findet sich immer ein Anknüpfungspunkt. Und ich begeistere mich – für den Menschen und für das Thema.

Der Elefant im Raum

Meistens ist es die Hierarchie. Wer in einem Unternehmen wem gegenübersitzt, entscheidet mit, was gesagt werden kann, was gefragt werden kann und wer gefragt werden muss – und was eben nicht geht.

Dazu Körperhaltung, Dialekt, NDAs. Das ist kein Beiwerk, das ist die halbe Arbeit: ein Interview mit der Geschäftsführung und eines mit der Werkstatt sind zwei verschiedene Handwerke – auch wenn die Kamera an derselben Stelle steht.

02Der Drehtag

Ein Interviewtag ist ein Takt, ein Settag bestenfalls ein guter Flow – nicht einfach ein Kameraproblem.

  • Vor der KameraWenn es möglich ist, ein Gespräch ohne Kamera – einen Tag vorher oder eine Stunde
  • Die ersten MinutenAlltägliches, Hobbys, und ich erzähle zuerst etwas von mir. Das Thema kommt später
  • Der Satz, der Ruhe gibtAlles kann geschnitten werden, wir haben keine Eile – sofern das stimmt. Sonst sage ich es nicht
  • Wenige TakesWas nicht sitzt, kommt später noch einmal, nicht sofort wieder. Mit Abstand gelingt es eher
  • TeamBei dichten Tagen führt eine Person die Aufnahme technisch, die andere begleitet die Interviewten
  • Wenig PublikumJe weniger Menschen im Blickfeld stehen, die die Person für Profis hält, desto ruhiger wird sie
  • Meine eigene KonditionAusgeschlafen, leicht gegessen, Verpflegung dabei – das achte Interview bekommt dieselbe Aufmerksamkeit wie das erste

Das ist der Punkt, an dem die meisten Drehtage kippen: nicht am Licht, sondern an der Erschöpfung nach dem sechsten Gespräch.

03Die Grenze

Der Kompass

Ich setze keine Herabwürdigung um.
Auch wenn sie im Konzept steht.

Wenn mein Gefühl sagt, hier wird gerade jemand beschädigt, mache ich es nicht. Anweisungen wie „nun küss ihn einfach“ gebe ich nicht. Das ist keine Liste verbotener Themen, es ist eine einzige Frage: Nimmt hier jemand Schaden?

Das ist auch Ihr Schutz. Wer am Abend bereut, was er gesagt oder getan hat, ruft am nächsten Morgen jemanden an.

Ich ordne mich ein

Ich kenne meine Position und halte sie. Ich weiß, was ich sage. Ich bin so gut wie nie beleidigt und nicht mies gelaunt. Laut werde ich nur, wenn Gefahr im Raum ist – oder wenn es einer Demonstration dient.

Wenn Sie fragen, bekommen Sie meine ehrliche Expertise. Und wenn es der Produktion wesentlich dient, sage ich sie auch ungefragt.

04Was am Ende dasteht

Woran ich es messe

Nicht am Schnitt und nicht am Licht. Sondern daran, was jemand denkt, der abends nach seinem Interview nach Hause fährt.

„Ich wusste nicht, dass es so angenehm sein kann. Es war ein gutes Erlebnis.“
Darauf arbeite ich hin.

Verfügbarkeit anfragen

Zitat aus: Michael Rabiger, Directing the Documentary, Routledge / Focal Press – auf die Frage nach den wichtigsten Fähigkeiten im Dokumentarfilm.